Ode an die Schwester
Hast du eine Schwester?
Dann hast du das grosse Los gezogen.
Ich habe drei –
dreimal Zuhause, dreimal Herz, dreimal das grosse Los.
Wer ist die nervigste vorstellbare Person,
und zugleich die, die man am meisten vermissen würde,
wenn sie plötzlich still wäre?
Wer kennt deine Geschichten, noch bevor du sie zu Ende erzählt hast?
Wer liest zwischen deinen Worten, hört das Zittern in deiner Stimme,
auch wenn du sagst: «Alles gut»?
Wen rufst du an, wenn dein Herz überläuft vor Glück
oder wenn es in tausend Teile zerbricht?
Wer lacht mit dir so laut, dass die Welt für einen Moment stehen bleibt –
und weint mit dir, ohne viele Worte?
Wer kann dich zur Weissglut treiben
und dir im nächsten Augenblick den Frieden zurückgeben?
Wer kennt deine Schattenseiten – und bleibt trotzdem?
Wer sitzt an deiner Bettkante, wenn die Nacht schwer wird,
hält deine Hand, wenn dir die Kraft fehlt –
und steht am Morgen mit dir auf,
bereit, das Leben wieder anzustossen?
Wer tanzt mit dir durch die Küche,
singt Lieder mit falschem Text, teilt Geheimnisse,
streitet laut und liebt noch lauter?
Schwesternbande –
Verstehen ohne Erklärung,
ein unsichtbares Band, das nicht reisst,
auch wenn es manchmal geflickt werden muss.
Tief wie Wurzeln,
wild wie Sturm,
zart wie ein Flüstern im Dunkeln.
Schwestern sind Kompass und Chaos zugleich,
Spiegel und Zuflucht,
Vertraute, Verbündete, manchmal Gegnerinnen –
und doch immer: ein Teil von dir, ein Teil von mir.
Schwestern sind Gewissheit, die bleibt.
Ohne sie wären wir nicht ganz wir selbst.
Wenn du keine Schwester hast, sondern einen, vielleicht auch mehrere Brüder oder die Welt alleine eroberst hast, dann schreib doch gerne einen Kommentar, was daran Besondres ist. Dazu fehlt mir die Erfahrung.
Die spirituellen Anregungen des «Paradiesgartens» in den geraden Monaten von 2026 werden gepflanzt von Felicitas Ameling, Theologin und Spitalseelsorgerin. Mehr über die Autorin
0 Kommentare
Kommentar schreiben